Marvin Oppong

Marvin Oppong (*1982) ist freier Journalist und Dozent aus Bonn. Im Fokus seiner Berichterstattung stehen Korruption, Lobbyismus, Datenschutz und Medienthemen. Zu seinen Spezialfeldern gehören das Informationsfreiheitsgesetz, Datenjournalismus und Werkzeuge für Internet-Recherchen.
Seit 2011 lehrt Marvin Oppong auch als Dozent Recherchetechniken in der journalistischen Aus- und Weiterbildung.

#ClapForCrap: In Ihrem Buch „Ewig anders“ berichten Sie intensiv über das, was man gemeinhin Alltagsrassismus nennt. Dazu gehören auch rassistische Äußerungen, die vielleicht nicht einmal aus Böswilligkeit geäußert werden. Glauben Sie, dass in jedem von uns rassistische Vorurteile schlummern?

Oppong: Wenn wir über in Deutschland sozialisierte Menschen, zu denen ich ja auch gehöre, sprechen, dann muss ich auf die Frage leider mit ja antworten. Das ist eigentlich auch nicht weiter verwunderlich, wenn man sich überlegt, wo man überall in diese Richtung beeinflusst wird. Das beginnt schon in der Schule, wo ich „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ spielen musste und im Schulbuch mit herabwürdigenden Begriffen wie „Bantu-Neger“ konfrontiert wurde. Was wir konsumieren, prägt uns. Und das gilt eben auch für unsere Vorurteile.
Übrigens: Für die Betroffenen ist auch der vermeintlich harmlose, nicht böse gemeinte Rassismus schlimm, vor allem auch, weil man es regelmäßig erlebt, immer und immer wieder. Das sollte uns allen bewusst sein.

#ClapForCrap: Sie selbst, als schwarzer Deutscher, kennen rassistische Reflexe also auch?

Oppong: Ja, leider. Ich selber kenne diese Impulse auch. Ich habe mich auch schon bei dem Gedanken „Bei so jemandem überrascht das nicht…“ ertappt. Entscheidend ist allerdings die Frage, wie man damit umgeht. Gibt man sich seinen Impulsen und Reflexen einfach hin? Oder nimmt man solche Gedanken zum Anlass, sein eigenes Denken und Handeln zu hinterfragen? Nur, wenn wir bereit sind, an uns zu arbeiten, kommen wir einer Gesellschaft ohne Diskriminierung näher.

#ClapForCrap: Wie reagieren denn die Leute, wenn Sie sie darauf hinweisen, dass sie – vielleicht auch unbewusst – rassistische Stereotype wiedergegeben haben?

Oppong: Das ist unterschiedlich. Allerdings reagieren die Menschen in den meisten Fällen leider ablehnend, nur die wenigsten sind direkt einsichtig. „Ich bin doch kein Rassist“ oder „So meinte ich das nicht“ ist die häufigste Reaktion. Das kann auch durchaus so sein, ändert aber nichts daran, dass auch Menschen, die keine Rassisten sind, sich durchaus rassistisch äußern können.

Für die Betroffenen ist auch der vermeintlich harmlose, nicht böse gemeinte Rassismus schlimm, vor allem auch, weil man es regelmäßig erlebt, immer und immer wieder. Das sollte uns allen bewusst sein.

Marvin Oppong

#ClapForCrap: Wie gehen Sie mit solchen Reaktionen um? Haben Sie einen Tipp für diejenigen, die mit solchen Situationen konfrontiert werden?

Oppong: Ich bin davon überzeugt, dass miteinander zu reden tatsächlich das wichtigste ist. Das hört sich zunächst einmal sehr banal an, aber so einfach ist das nicht. Es gibt viele Menschen, die sich nicht trauen, rassistische Dinge anzusprechen und zu benennen – People of Color genauso wie Weiße übrigens. Wichtig ist, dass man auch bei als unpassend empfundenen Reaktionen sachlich bleibt und behutsam damit umgeht. Das soll allerdings nicht heißen, dass man klein beigibt. Man sollte sich auch dann nicht von seinem Standpunkt abbringen lassen, wenn fünf Leute auf einen einreden. Wenn man sich sicher ist, muss man notfalls auch akzeptieren, dass man nicht jeden überzeugen kann. Vor allem wer rassistisch sein will, lässt sich sowieso nicht überzeugen.

#ClapForCrap: Gibt es so etwas wie Selbstschutzmechanismen, wenn man immer wieder mit rassistischen Äußerungen konfrontiert wird?

Oppong: Man sollte versuchen, Rassismus nicht persönlich nehmen – immerhin richtet er sich ja gegen eine Ethnie und nicht gegen die einzelne Person. Das ist aber natürlich nicht so einfach. Wichtig ist auch, dass man sich bewusst ist, dass man Diskussionen, die einem schaden, auch beenden darf, um sich nicht ein zweites Mal schlecht zu fühlen. Ganz allgemein kann man solche Situationen natürlich zu vermeiden versuchen, indem man darauf achtet, mit welchen Menschen man sich umgibt.

#ClapForCrap: Haben Sie das Gefühl, dass sich im Umgang mit Rassismus zumindest an den Schulen inzwischen etwas getan hat? Wie sehen Sie etwa den Umgang mit der Kolonialgeschichte?

Oppong: Der Umgang mit der Kolonialgeschichte ist leider bis heute hochproblematisch. Alleine schon, weil dieses Kapitel deutscher Geschichte so gut wie kein Thema ist. Nicht einmal der Genozid an den Nama und Herero bekommt die nötige Aufmerksamkeit. Indem man so ein wichtiges Thema nicht behandelt, gibt man dem Thema eben auch eine Bedeutung. Oder in diesem Fall eben eine Nichtbedeutung. Kolonialmächte sind gefühlt immer nur die anderen, also etwa England und Frankreich. Ich wusste selbst lange nicht, dass Deutschland überhaupt Kolonien hatte.

#ClapForCrap: Haben Sie das Gefühl, dass das Wissen über einen respektvollen Umgang mit Menschen anderer Hautfarbe auch ein Generationenphänomen ist? Anders gefragt: Gibt es bei jungen Menschen ein besseres Verständnis für das Thema?

Oppong: Da gibt es auf jeden Fall eine Entwicklung. Aber wahrscheinlich handelt es sich nicht in erster Linie um ein
Generationenphänomen, sondern um das Ergebnis von mehr Berührungspunkten für den Einzelnen. In fast jeder Schulklasse von Großstädten gibt es inzwischen zumindest ein schwarzes Kind. Es macht eben einen Unterschied, ob man mit Menschen anderer Hautfarbe und Herkunft aufwächst, oder nicht.

#ClapForCrap: Mit unserer Kampagne #clapforcrap versuchen wir auch eine Antwort auf Hass, Hetze und Desinformation im Netz zu geben. Wie ist das aus Ihrer Sicht, sind die Sozialen Medien eher Fluch oder Segen? Immerhin hat rassistische Hetze dadurch eine ganz neue Dimension erhalten, das gilt aber gleichermaßen für Initiativen wie #MeTwo, die ohne Social Media kaum denkbar wären.

Oppong: Tatsächlich beides, das muss man differenziert sehen. Man kann sich so gut wie noch nie kostenlos über Rassismus informieren und ein Gefühl für die Probleme entwickeln. Gleichzeitig erhalten aber auch die alten, rassistischen Ideen, die an die Ränder gedrängt waren, wieder eine größere Sichtbarkeit. Allerdings gibt das Internet auch bislang weniger gehörten Perspektiven mehr Raum.

#ClapForCrap: Sie beschreiben in Ihrem Buch auch die Sorge, noch mehr auf die eigene Hautfarbe und das Thema Rassismus reduziert zu werden, wenn sie als Betroffener darüber schreiben. Ansonsten arbeiten Sie als Journalist zu ganz anderen Themen. Warum sind Sie diesen Schritt dann doch gegangen? Und warum gerade jetzt?

Oppong: Ich habe zu dem Thema viel zu sagen, deswegen hatte ich die Idee schon länger. Warum aber gerade jetzt? Wegen der #MeTwo-Debatte. Es ist eigentlich traurig, das so zu sagen, aber: Wir führen gerade zum ersten Mal überhaupt eine gesamtgesellschaftliche Debatte über Rassismus.

#ClapForCrap: Neben #MeTwo gab es ja in der jüngeren Zeit auch noch die Debatte unter dem Hashtag #vonhier. Dabei ging es auch um die Legitimität der Frage „Woher kommst Du?“. Unfraglich verbergen sich dahinter oftmals rassistische Denkmuster. Aber wenn tatsächlich jemand völlig arglos, aus echtem Interesse an der Lebensgeschichte fragt, sehen Sie das dann auch als problematisch an? Wie wäre denn die Frage in diesem Fall besser formuliert?

Oppong: Ich muss Sie leider enttäuschen, ich werde Ihnen jetzt keine politisch korrekte Formulierung für diese Frage liefern. Denn es geht im Kern um etwas anderes. Ich trage meine Hautfarbe immer mit mir herum, es handelt sich nicht um einen Haarschnitt oder eine Brille, die ich mir ausgesucht habe. Direkt beim Kennenlernen Fragen zu stellen, die man aus körperlichen Merkmalen ableitet, ist einfach unpassend. Insofern geht es nicht um die Art der Fragestellung alleine, sondern um die gesamte Situation und die genauen Umstände. Man muss es immer am Einzelfall festmachen. Echtes Interesse an einem Menschen war noch nie ein Problem, wohl aber, dass manche regelrecht einen Anspruch darauf erheben, Menschen mit einer Hautfarbe, die nicht der der deutschen Mehrheitsgesellschaft entspricht, stets nach ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Herkunft fragen zu dürfen.

#ClapForCrap: Abschließend: Haben Sie Ideen, was die Politik tun könnte, um wirksamer gegen Rassismus vorzugehen?

Oppong: Ja, da fällt mir eine ganze Menge ein. Die Paragrafen 22 und 23 Bundespolizeigesetz, die Racial Profiling erlauben und gegen das Diskriminierungsverbot im Grundgesetz, internationale Menschenrechtsverträge und Europarecht verstoßen, sollten abgeschafft werden. Und natürlich sollten Politiker vermeiden selber Rassismus zu verbreiten, wie es etwa der junge CDU-Politiker Philipp Amthor während seines Wahlkampfes getan hat. Außerdem würde ich mir wünschen, dass Perspektiven und Standpunkte von schwarzen Menschen mehr Gehör finden und ihre politische Repräsentation verbessert wird.

#ClapForCrap: Und was würden Sie sich vom Rest der Gesellschaft als Reaktion auf Ihr Buch wünschen?

Oppong: Dass die Menschen sich bewusst werden, wie viel Rassismus es in der Gesellschaft noch gibt, etwa in Schulbüchern, und dass sie sich selbst fragen, wie viel davon sie in sich tragen. Darüber sollte es mehr Diskussionen geben. Und auch Journalisten sollten sich fragen, welches Afrikabild und welche Begriffe sie in ihrer Berichterstattung nutzen. Insgesamt würden mehr Reflexion und Fingerspitzengefühl helfen.