„Geh doch dahin zurück, wo Du herkommst“ – ein Satz, der leider oft zu hören ist. Ein Satz mit Sprengkraft. Er richtet sich oft gegen Menschen, die aus Bottrop, Berlin oder Bad Füssing kommen. Die aber vielleicht einen türkischen Namen haben. Oder deren Großeltern in einer anderen Ecke der Welt geboren sind. Das alleine reicht bei manchen schon, um Menschen ihr Recht auf Teilhabe abzusprechen.

Zwar findet man nur noch selten den ganz offensichtlichen Rassismus, wie ihn Nazis und Neonazis vertreten. Oder besser: Man hört nur noch selten die alten Parolen von „arischen Deutschen“ oder „Herren- und Untermenschen“. Aber das heißt nicht, dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nicht mehr existieren. Sie kommen nur im anderen Gewand daher.

Heute heißt es dann: „Du bist kein richtiger Deutscher“. Oder noch schräger: „Du bist zwar Passdeutscher, aber ein Esel wird auch nicht zum Rennpferd, nur weil er im Pferdestall geboren wurde“. Obwohl also jemand Bürger mit deutschem Pass ist, ist er nach dieser seltsamen Logik ein Bürger „zweiter Klasse“. Und das nur, weil die Großeltern oder Eltern nicht in Deutschland geboren sind. Kommt euch das bekannt vor?

Das ist alter Wein in neuen Schläuchen. Wer einem Deutschen nur auf Basis der eigenen Vorurteile abspricht, wirklich als Deutscher dazuzugehören, spricht einem beliebigen Menschen im Zweifel auch ab, ein gleichwertiger Mensch zu sein. Herkunft, Aussehen oder Namen bekommen so einen übergeordneten Stellenwert. Der Schritt ist dann schnell gemacht, Menschen in Gruppen einzuteilen: zum Beispiel „die Türken“ oder „die Araber“. Zählt also nur die vermeintliche Gruppe und nicht der Einzelne, sind die Radikalen nicht weit.

Es liegt also immer an Dir, genau das abzulehnen. Es liegt an Dir, deutlich zu machen, warum Art. 1 unseres Grundgesetzes Dreh- und Angelpunkt unserer Gesellschaftsordnung ist. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ - das bedeutet eben, dass die Würde jedes Einzelnen im Mittelpunkt steht.

Artikel 1 des Grundgesetzes

  1. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
  2. Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.
    3.Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

Übrigens beschränkt sich diese Denkweise nicht auf die rechte Szene. Viele türkische Nationalisten sehen Kurden als Menschen zweiter Klasse, egal ob sie ihnen nun in der Türkei oder in Deutschland begegnen. Nach dieser verqueren Logik kann ein Kurde niemals ein „echter Türke“ sein. Die Frage, ob jemand Freund oder Feind ist, wird in dieser Weltsicht nicht durch das Verhalten des Einzelnen beantwortet. Die Antwort steht vielmehr allein aufgrund der Herkunft schon fest. Ähnlich verhält es sich bei radikalen Islamisten, die die Welt in Gläubige und Ungläubige einteilen und auch nur in diesen Kategorien denken. Und so ist es bei den Antisemiten, also denen, die die Menschen jüdischen Glaubens hassen, nur weil sie diesen Glauben haben.

Die offene Gesellschaft kennt dieses Denken nicht. Oder besser: sollte dieses Denken nicht kennen. Natürlich gibt es auch in unserer Gesellschaft Diskriminierung und Intoleranz. Oft mit Absicht, immer wieder aber auch unabsichtlich. Niemand ist frei von Vorurteilen. Aber es ist wichtig, dass man sich dessen bewusst ist und bereit ist, sich überraschen und überzeugen zu lassen. Kein Mensch hat nur eine Identität. Und schon gar nicht beschränkt sich diese Identität auf das, was andere uns zuschreiben. Freiheit heißt, seine eigene Geschichte schreiben zu können und nicht in der Erzählung der eigenen Herkunft gefangen zu sein.

Wenn Du also wieder einmal hörst, wie jemand einen anderen Menschen wegschicken will, weil er das Gefühl hat, dass er nicht hierher gehört, dann: #clapforcrap.