Gerald Hensel:

Gerald Hensel ist als Markenstratege in der Werbung tätig. In seiner Freizeit kümmert er sich mit seinem Projekt um Menschen, die in einen Hatestorm geraten und Hilfe brauchen. In Zukunft kommt auch rechtliche Unterstützung dazu.

#ClapForCrap: Gerald, wie kommt es, dass jemand, der im Hauptberuf große Marken berät, sich in seiner Freizeit um Menschen kümmert, die im Internet angefeindet werden?

Gerald Hensel: Naja, wenn man so will, ist das das Ende einer Entwicklung. Am Anfang geriet ich selbst in einen Hatestorm, der sich gewaschen hatte. Und dann musste ich eben entscheiden: Ducke ich mich weg, oder mache ich etwas daraus. Und da wegducken nicht so mein Ding ist…

#ClapForCrap: Wie kam es dazu, dass Du selbst zum Ziel wurdest? Und wo liegt der Unterschied zwischen einem Shitstorm und einem Hatestorm?

Gerald Hensel: Als Hatestorm bezeichne ich Vorgänge, bei denen Hass irgendwann die treibende Komponente wird und es gar nicht mehr so sehr um eine Sache geht. Jeder Shit-/Hatestorm hat einen Auslöser. Berechtigt oder nicht. Das liegt ohnehin nur im Auge des Betrachters. Beim Hatestorm geht es aber ab irgendeinem Punkt dann primär um persönliche Angriffe, Framings, schmutzige Tricks und Demütigung. Der Hass selbst wird zum Selbstzweck, nicht die konflikthafte Lösung eines Sachverhalts, die bei Shitstorms üblicherweise noch zählt.

#ClapForCrap: Und bei Dir war genau das der Fall?

Gerald Hensel: Ich würde behaupten, ja. Mein „Vergehen“ war, dass ich öffentlich darauf hingewiesen habe, dass Markenverantwortliche sich überlegen sollen, ob sie ihre eigene Online-Werbung im Griff haben, die nur allzu oft rechtspopulistische und rechtsextreme Seiten finanziert. Darauf haben dann auch mehr und mehr Unternehmen reagiert, was der rechten Trollszene nicht ganz so gut gefallen hat. Am Ende standen 1,4 Millionen Tweets zu meinem Namen, mehrere Dutzend Todesdrohungen, tausende sonstige Drohungen und die Verbreitung meiner persönlichen Adresse in Neonaziportalen.

Hass im Netz wird nicht mehr verschwinden. Das Internet ist immer noch wie ein total komplexes Spielzeug, das die gesamte Menschheit in Echtzeit gemeinsam erkundet, um herauszufinden, was es noch alles kann und was nicht.

Gerald Hensel

#ClapForCrap: Klingt heftig. Als Werbeprofi hattest Du aber sicher eine Strategie parat, wie man mit so etwas richtig umgeht.

Gerald Hensel: Nein, die Strategie hatte ich nicht. Und ich glaube, dass kaum jemand eine Strategie für so etwas hat. Genau deshalb braucht es solche Initiativen wie HateAid, die einem helfen, mit so etwas klarzukommen. Alleine ist man als Mensch mit diesem geballten Hass, den wir vor dem Internet nie zu spüren bekommen hätten, überfordert. Wenn man so will, ist jeder öffentliche Facebook-Post, jedes Foto auf Instagram und jeder Tweet so etwas wie eine Pressemitteilung, die auch nach hinten losgehen kann. Dann bräuchte eigentlich jeder von uns einen ganzen Pressestab, der die Situation unter Kontrolle bringt. Aber wer hat das schon?

#ClapForCrap: Was hat Dir geholfen aus dieser Sache einigermaßen gesund herauszukommen?

Gerald Hensel: Zuallererst Freunde und Familie. Wir haben da schnell eine Art Arbeitsteilung gefunden, um den Hass „zu managen“. Das geht auch ohne professionelles Team. Ein paar haben die Hassposts gelesen und klassifiziert, ein paar haben sich um die nötigen rechtlichen Schritte gekümmert. Pressekontakte gab es plötzlich auch, die gescreent, geplant und vorbereitet sein wollten. Und ein paar haben einfach dafür gesorgt, dass ich auch einmal auf andere Gedanken kam.

#ClapForCrap: Was ist eigentlich das genaue Ziel von HateAid?

Gerald Hensel: Im Kern haben wir zwei Ziele. Erstens wollen wir das Individuum vor einer brutalen Überfrachtung mit Hass schützen und beratend helfen. Ich selbst habe nämlich die Befürchtung, dass wir irgendwann den ersten Selbstmord erleben, wenn die täglichen Netzmobbings so weiter gehen. Zweitens wollen wir mittelfristig auch dem Rechtsstaat zur Durchsetzung verhelfen. Langsam aber sicher verstehen die Gerichte, dass es sich bei Beleidigungen und Drohungen im Internet nicht um Spielereien handelt, man kann inzwischen schon deutlich mehr rechtlich durchsetzen, als noch vor ein paar Jahren.

#ClapForCrap: Was muss man beachten, um rechtlich eine Chance zu haben?

Gerald Hensel: Das ist ein weites Feld. Grundsätzlich gilt, dass man zumindest alles rechtssicher dokumentiert. Also Screenshots mit Datum und Absender mit der dazugehörigen URL speichern, das ist wichtig.

#ClapForCrap: Würdet Ihr eigentlich auch einen AfD-Politiker beraten, der unverhofft zur Zielscheibe eines Hatestorms geworden ist?

Gerald Hensel: Prinzipiell ja. Momentan sind wir aber noch ein Konzept im Wachstum. Wir gehen derzeit noch auf Menschen zu, die wir im Netz erleben, um sie zu beraten. Mehr können wir aus logistischen Gründen derzeit gar nicht leisten. Grundsätzlich sagt unser Regelgerüst aber aus, dass wir jedem helfen, der Hilfe braucht, solange sich diese Person in der Zusammenarbeit auch an unsere Regeln hält.

#ClapForCrap: Hast Du Tipps, wie man sich von Hatestorms fernhält bzw. richtig mit ihnen umgeht, wenn man in einen gerät?

Gerald Hensel: Klar. Zur Prophylaxe hilft die Leitlinie, jeden Social-Media-Beitrag darauf zu prüfen, ob man sich auch so äußern würde, wenn man auf einer Bühne stehen würde und die eigene Mutter und der Chef im Publikum sitzen würden.

Zahlen zu Hass im Netz

Fälle
zum Themenfeld Rechtsextremismus in 2017.
Verstöße
u.a. zu Volksverhetzungen, Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und Holocaustleugnungen.
%
der Inhalte wurden gesperrt oder gelöscht.

Quelle: Lagebericht 2017 zu Rechtsextremismus im Netz von jugendschutz.net

#ClapForCrap: Also gewissermaßen Selbstzensur?

Gerald Hensel: Nein, nicht wirklich. Wir müssen nur akzeptieren, dass wir Charaktere sind, die die viel beschworene Authentizität in sozialen Medien mit dieser Leitlinie für sich steuern können. Ich würde mich als jemanden bezeichnen, der gerne diskutiert und auch streitet. Meine Version dessen, was ich vor Eltern und Chef auf einer Bühne sagen würde, variiert vielleicht von dem, was jemand tun sagen würde. Generell hilft es aber ein „ganzer Mensch“ zu sein. Wer auch als echter Mensch hinter seinen Tweets stehen kann, kriegt vielleicht Gegenwind aber auch Karmapunkte. Ich benutze deshalb auch konsequent Klarnamen. Ganz im Gegensatz zu meinen anonymen Trollen.

Kurz: Wer nicht auf mögliche Eskalationen im Netz steht, sollte sich auch dementsprechend verhalten. Wenn es eskaliert, helfen auf jeden Fall ein ruhiger Kopf und die Frage: Was will ich jetzt? Ruhe? Den Diskurs drehen? Oder sogar die Welt verändern? Denn in eskalierenden Debatten stecken auch Chancen. Wenn man sie denn zu nutzen weiß. Auf jeden Fall aber sollte man persönliche Daten und Social-Media-Accounts so weit wie möglich trennen, um nicht angreifbar zu sein und Unbeteiligte mit hineinzuziehen. Und dann meldet Euch bei uns.

#ClapForCrap: Kriegen wir das Thema Hass im Netz wieder in den Griff?

Gerald Hensel: Hass im Netz wird nicht mehr verschwinden. Das Internet ist immer noch wie ein total komplexes Spielzeug, das die gesamte Menschheit in Echtzeit gemeinsam erkundet, um herauszufinden, was es noch alles kann und was nicht. Viralität, Vernetzung und Gruppendenken sind in diesem Spielzeug grundsätzlich eingebaut. Verschwörungstheorien, Antisemitismus, Rassismus und Mobbing also auch. Was wir aber sehen ist, dass sich die Dinge verändern. Hass und Hater verändern sich. Gesetze zeigen positive Effekte, Regulierungen von Tech-Konzernen zeigen positive Effekte. Und wir werden uns auch auf Rückschläge gefasst machen müssen. Die nächste Stufe dürften „Deep Fakes“ sein, bei dem man praktisch ohne finanziellen und zeitlichen Aufwand Video so täuschend echt nachstellen kann wie nie zuvor. Das kann man aus Spaß machen, wenn man Frau Merkel in einem Video Gucci Gang rappen lässt. Man kann Frau Merkel aber auch andere Dinge sagen lassen. Und es ist nicht mehr erkennbar, was Wahrheit und was Fake ist.