Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ist stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. Zuvor war sie von 1992 bis 1995 und von 2009 bis 2013 Bundesjustizministerin.

Dieser Artikel erschien am 05. März 2019 im Handelsblatt.

Frankreich erlebt nach den antisemitischen Beschimpfungen des Pariser Philosophen Alain Finkielkraut sowie der Schändung eines jüdischen Friedhofs im Elsass eine hitzige Antisemitismusdebatte. Probleme, die wir nicht haben? Im Gegenteil – die jüngsten Entwicklungen in Deutschland zeigen, dass der Antisemitismus auch hierzulande wieder grassiert.

Laut einer Studie der EU-Grundrechteagentur haben 41 Prozent der in Deutschland befragten Juden in den vergangenen zwölf Monaten antisemitische Anfeindungen erfahren. Die Angst der jüdischen Gemeinde vor Übergriffen und sozialer Ausgrenzung wächst. Jude ist erneut zu einem Schimpfwort geworden: unter Arbeitskollegen, in aller Öffentlichkeit — und auf dem Schulhof.

Die Körber-Stiftung hat 2017 in einer Umfrage unter Schülern in Deutschland festgestellt, dass nur 59 Prozent der Befragten Auschwitz-Birkenau als Konzentrationslager der Nationalsozialisten identifizieren konnten. Bei aller Vorsicht gegenüber solchen Umfragen: Es muss mehr getan werden. So sollte der Besuch eines Konzentrationslagers verpflichtender Bestandteil der Schullaufbahn sein. Ein stärker geförderter Schüleraustausch mit Israel kann ebenfalls helfen. Dazu gehören auch staatliche Anlaufstellen, Kinder und Jugendliche in der Schule für das Thema zu sensibilisieren, und Projekte, die sich für die religiöse und offene Gesellschaft einsetzen, stärker zu unterstützen.

Der Staat allein wird das Problem jedoch nicht lösen können – auch ein Rechtsstaat ist nicht vollkommen. Die Dunkelziffer antisemitischer Übergriffe ist hoch. Umso wichtiger ist es, dass wir unsere gesellschaftlichen Werte jeden Tag aufs Neue verteidigen. Initiativen können ein Zeichen für diese Werte setzen. Die Freiheit des Glaubens ist im Grundgesetz als unverletzlich definiert. Diese Freiheit zu verteidigen ist die Aufgabe eines jeden von uns.