Ben Salomo

Ben Salomo heißt bürgerlich Jonathan Kalmanovich und wurde 1977 in Israel geboren. Er war einer der Wegbereiter des deutschen Raps und verantwortete über viele Jahre die Berliner Battlerap-Veranstaltung „Rap am Mittwoch“. Gerade ist im Europa-Verlag sein Buch „Ben Salomo bedeutet Sohn des Friedens erschienen.

#ClapForCrap: Ben Salomo, gehört es inzwischen zum guten Ton in der Rapszene, dass man irgendwann ein Buch schreibt? Du bist ja nicht der Erste, wenn man da an Kollegah und Co denkt.

Ben Salomo: Naja, die Bücher anderer Rapper und meins unterscheiden sich im Inhalt doch sehr deutlich. Bei mir spielen Oberflächlichkeiten keine Rolle, ich erzähle niemandem, wie er „Alpha“ wird, sondern ich versuche, mit meiner Geschichte für ein besseres Miteinander zu werben und für die Gefahren durch den Antisemitismus zu sensibilisieren.

#ClapForCrap: Dann lass uns doch hier direkt einsteigen. Ein maßgebliches Narrativ des Antisemitismus ist ja, dass Juden alle reich sind, im Hintergrund die Welt regieren und alle anderen Menschen ausbeuten. Was davon trifft auf Dich zu?

Ben Salomo: Nichts. Ich bin in schwierigen Verhältnissen in Berlin aufgewachsen, in Stadtteilen, die stark migrantisch geprägt sind. Alles, was ich im Leben erreicht habe, habe ich mir selbst erarbeiten müssen. Aber all das interessiert diejenigen, die antisemitische Verschwörungstheorien verbreiten, überhaupt nicht.

#ClapForCrap: Das verstehe ich nicht. Du bist ein Mensch aus Fleisch und Blut, der all die Behauptungen als Person widerlegt. Und trotzdem bringt das die Leute nicht zum Nachdenken?

Ben Salomo: Genau so ist es. Da heißt es dann „Du bist halt der Einzelfall, Du hast halt Pech gehabt“. Und wenn ich ihnen weitere Beispiele nenne, zucken sie nur mit den Schultern. Wer an dieses Zeug glauben will, lässt sich von Fakten leider nicht stören. Schlimm finde ich es, dass viele gar nicht merken, wie widersprüchlich das ist, wenn sie dann gleichzeitig darauf bestehen, dass nicht alle Muslime Terroristen sind. An der einen Stelle gegen pauschale Urteile kämpfen und im nächsten Atemzug selbst welche fällen, das ist einfach nur absurd.

#ClapForCrap: Du beschreibst in Deinem Buch antisemitische Erlebnisse schon seit Deiner frühesten Jugend. Das Problem existiert also schon lange. Warum erhebst Du gerade jetzt die Stimme? Und warum thematisierst Du den Deutsch-Rap dabei so stark?

Ben Salomo: Sie sagen mir

Ben Salomo: Es stimmt, Antisemitismus habe ich immer schon erlebt. Aber ich merke, dass es in den letzten Jahren schlimmer, aggressiver, gewalttätiger geworden ist. Und das habe ich eben auch im Deutsch-Rap erlebt. Aber eben nicht nur. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass die Radikalisierung im Deutsch-Rap einer der maßgeblichen Brandbeschleuniger für die Zunahme des Antisemitismus gerade unter jungen Menschen ist.

#ClapForCrap: Das musst Du erklären.

Ben Salomo: Gerne. Das Problem ist doch, dass Rap ein Phänomen ist, das junge Leute beeinflusst. Das war bei mir auch nicht anders. Rapper sind vor allem für viele Jungs Vorbilder. Wenn diese dann in ihren Texten plötzlich antisemitische Stereotype verbreiten, dann erreichen sie damit auch viele Kids, die davon zuvor nichts gehört haben, weil Antisemitismus in ihren Elternhäusern keine Rolle gespielt hat. Dann googlen die, was es mit den Rothschilds auf sich hat, und wo landen sie? Auf antisemitischen Seiten, für die die Protokolle der Weisen von Zion eben keine nachweislich erfundene Lügengeschichte ist, sondern die Wahrheit. Und dann glaubt man eben auch, dass Israel den Arabern ihr Land geklaut hat und die Palästinenser wie Sklaven hält. Historische Fakten oder der Hass, der von arabischen Politikern gegen Israel geschürt wird, spielen dann keine Rolle mehr.

#ClapForCrap: Wenn man sich die Videos von Deinen Rap am Mittwoch-Veranstaltungen anschaut, hört man immer wieder Punchlines, die auf Dein Jüdischsein anspielen. Und meistens lachst Du dann selbst darüber. Wann wird bei Dir die Grenze zum Antisemitismus überschritten?

Ben Salomo: Es ist wichtig, dass man die Regeln von Battlerap versteht, sonst kommt man bei dieser Frage nicht weiter. Wer zu einer Battlerap-Veranstaltung geht, egal, ob als Teilnehmer, als Gastgeber oder als Zuschauer, muss damit rechnen, verbal angegriffen zu werden. Das ist einfach Teil des Spiels. Wichtig ist nur, dass es kreativ ist und Gruppen nicht pauschal abwertet.

#ClapForCrap: Einer Deiner Battle-Gegner hat mal gerappt, er sei der Besitzer Deiner Vorhaut. Eine klare Anspielung darauf, dass alle jüdischen Männer beschnitten sind.

Ben Salomo: Ja, genau. Aber das ist absolut okay, denn er wertet nicht Juden per se ab. Er sagt nur, dass er der Besitzer meiner Vorhaut ist. Das ist zwar richtig absurd. Aber es ist witzig und nicht antisemitisch.

#ClapForCrap: Und was ist dann antisemitisch?

Ben Salomo: Alles, was von der Logik her auch bezogen auf andere Gruppen diskriminierend wäre. Konkret vor allem Worte und Wortschöpfungen, die auch ohne jeglichen Kontext die Juden als Menschengruppe pauschal entwerten. „Judenpack“ etwa. Oder „Moslemsau“. Das geht genauso wenig wie etwa das N-Wort. Wenn einer sagt, er pisst an die Klagemauer wiederum, oder dass er das Kopftuch der Schwester nach der Morgentoilette benutzt, dann ist das nicht nett, aber im Battlerap-Kontext noch absolut im Rahmen. Denn das ist ja Blasphemie und nicht Rassismus. Und das muss man aushalten.

Wir brauchen eine Immunisierung gegen antisemitische Einflüsse von allen Seiten.

Ben Salomo

#ClapForCrap: Ben Salomo, täuscht das, oder gibt es zunehmend mehr Juden der jüngeren Generation, die sich selbstbewusst zu Wort melden in der deutschen Debatte? Ich denke da an Marina Weisband, Max Czollek, Oliver Polak oder Tobias Ginsburg. Aber natürlich auch an Dich.

Ben Salomo: Das täuscht tatsächlich nicht. Ich habe das Gefühl, dass immer mehr Juden sich einfach das Recht nehmen, den Mund aufzumachen und einzufordern, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Nämlich, dass auch wir ein gleichberechtigter Teil dieser Gesellschaft sind und genauso wie andere Gruppen auch ein Recht darauf haben, hier frei und sicher zu leben.

#ClapForCrap: Dieses Selbstbewusstsein ist also nicht selbstverständlich?

Ben Salomo: Wenn man in die Geschichte schaut, absolut nicht. Juden haben sich viel zu häufig ohne große Gegenwehr in ihr – oft tragisches – Schicksal gefügt. Wenn wir eines aus der historischen Betrachtung gelernt haben sollten, dann, dass wir uns nicht auf die Mehrheitsgesellschaft alleine verlassen können, sondern wir uns selbst helfen müssen. Das war für mich auch schon immer eine Leitlinie, wie ich auch in meinem Buch beschreibe. Ich lasse mich nicht zum Opfer machen, sondern stelle mich auch denen, die mir ans Leder wollen, selbstbewusst in den Weg. Bisher bin ich damit gut gefahren.

#ClapForCrap: Aus Deiner letzten Bemerkung kann man Kritik an der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft herauslesen.

Ben Salomo: Ja, das ist schon richtig. Egal, wo man hinschaut wird das Thema Antisemitismus ignoriert, kleingeredet oder sogar damit Politik gemacht. Auf unserem Rücken. Egal ob im konservativen Spektrum, im linken Spektrum oder im migrantischen Milieu, überall wird so getan, als sei doch alles gar nicht so schlimm. Dabei nimmt der Druck auf Juden in Deutschland und Europa jeden Tag zu. Egal, ob es um Gewalt im öffentlichen Raum geht, wenn man mit der Kippa auf die Straße geht, oder um Demonstrationen, auf denen „Juden ins Gas“ gerufen und Israel das Existenzrecht abgesprochen wird. Von dem Hass, der in den sozialen Netzwerken explodiert, ganz zu schweigen.

#ClapForCrap: Aber Deutschland hat doch das Existenzrecht Israels zur Staatsräson erklärt. Und offiziell will keine politische Kraft in Deutschland etwas mit Antisemitismus zu tun haben.

Ben Salomo: Das sind doch alles bloß Lippenbekenntnisse. Deutschland stimmt in den UNO-Gremien immer noch regelmäßig mit antisemitischen Regimen. Und eine Ausgrenzung von Antisemitismus, wenn er nicht gerade in Form der Holocaustleugnung daherkommt, geschieht in Deutschland kaum.

#ClapForCrap: Du engagierst Dich ja stark zu diesem Thema. Was möchtest Du gerne erreichen?

Ben Salomo: Ich möchte Menschen aufrütteln und dazu bringen, tätig zu werden, wenn ihnen Antisemitismus begegnet. Schweigen wird bei diesem Thema immer als Zustimmung gedeutet, das muss jedem klar sein. Und ganz nebenbei geht es um die freie und offene Gesellschaft. Wenn Judenhass plötzlich wieder salonfähig ist, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es die nächsten Gruppen erwischt. Und irgendwann dann auch diejenigen, die vorher noch dachten, Antisemitismus ginge sie nichts an.

#ClapForCrap: Wenn man Deine persönlichen Erfahrungen mit Antisemitismus anschaut, fällt auf, dass Du eigentlich immer Probleme mit Menschen aus dem migrantischen Milieu hattest, vor allem mit türkischem oder arabischem Hintergrund. Trotzdem teilst Du auch in Richtung Linksextremismus und AfD aus. Wie kommt das?

Ben Salomo: Ja, das stimmt. In Berlin ist das Problem auch in erster Linie eines in den migrantischen und linken Milieus. Da kommen die Emotionalität aus dem Nahostkonflikt und der Hass auf den Kapitalismus, den man als Judensystem versteht, zusammen. Aber in anderen Teilen unseres Landes muss man sich als Jude eher vor den Rechten fürchten. Wenn ich Björn Höcke von der AfD zuhöre, schüttelt es mich. Es geht nicht darum, irgendetwas gleichzusetzen oder gegeneinander aufzuwiegen. Sondern es geht darum, dass all diese Milieus uns Juden die Luft zum Atmen nehmen. Und wer sich in diesen Kreisen bewegt und kein Antisemit ist, der muss dann auch klar Farbe bekennen und sich abgrenzen. Die Zeit des Kleinredens ist endgültig vorbei, und das lasse ich auch niemandem mehr durchgehen.