Marvin Oppong

Deutschland hat ein Problem mit Alltagsrassismus. Diesem Umstand geht Marvin Oppong auf den Grund und betreibt Ursachenforschung: In schonungslosen Gesprächen und Begegnungen testet er die deutsche Gesellschaft und fragt, wie sich das politische Klima nach Ereignissen wie dem 11. September 2001, der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof 2015/16 oder der Özil- und #MeTwo-Debatte verändert hat. Oppong gibt zahlreiche Diskussionsanstöße und stellt klare politische Forderungen auf. Geschrieben für Menschen jeder Hautfarbe, aufklärend, analysestark, aber nicht ohne den nötigen Humor.

Der folgende Text ist eine gekürzte Fassung des Kapitel „In die Haare fassen“ aus dem Buch „Ewig anders“ von Marvin Oppong.

Schon unzählige Male haben mir Menschen ungefragt in die Haare gefasst, weil sie gerne einmal die Locken eines schwarzen Menschen anfassen wollten. Zuletzt ist mir das vor zwei Wochen passiert. Die Person, eine Journalistin, die Mutter eines Kindes mit Migrationshintergrund ist, hat zumindest erst gefragt, es dann aber getan, bevor ich überhaupt antworten konnte. Später hat sie sich dafür entschuldigt …

Einmal vor etwa zwei Jahren war ich in einem Club und tanzte. Neben mir auf der Tanzfläche tanzten zwei junge Frauen und ein junger Mann, die offenbar zusammen da waren. Einmal hatte ich das Gefühl, dass sie über mich gesprochen hätten. Ein paar Minuten später fühlte ich plötzlich eine Hand von hinten in meinen Haaren. Ich wusste sofort, wer das gewesen sein konnte, drehte mich um und fragte die drei, ob einer von ihnen das gewesen sei. Keiner wollte es gewesen sein. Der offenbar schon etwas alkoholisierte Mann meinte dann, ich solle mich doch nicht aufregen, ich sei doch attraktiv für »die Bitches«, womit er die beiden Frauen meinte. Ich fand die ganze Aktion ziemlich primitiv und übergriffig. Seit meiner Kindheit ist mir sowas nicht mehr passiert. Ich konnte nicht glauben, dass heutzutage drei junge Menschen mir einfach unreflektiert in die Haare fassen würden.

Immer wieder sind meine Haare Thema, sehr viel häufiger bei Frauen als bei Männern. Wenn ich beim Friseur war, dann muss ich mir immer wieder Bemerkungen wegen meiner Haare anhören. Weil die Menschen darauf achten. Weil sie meine Haare als anders wahrnehmen.
Mein Leben lang geht das so. Selbst in beruflichem Kontext werde ich dann darauf angesprochen, obwohl persönliche körperliche Dinge hier noch weniger zu suchen haben, genauso wie ich einen Kollegen auch nicht – selbst wenn es sich hierbei nicht einmal um angeborene Dinge handelt – auf seine Bierwampe und eine Kollegin nicht auf ihre Reiterhosen ansprechen würde.

Ich habe wie mein Vater krause schwarze Locken. Da meine Mutter glatte Haare hat, sind meine Locken größer als die meines Vaters. Früher zuhause hatten mein Bruder, mein Vater und ich immer einen ganz bestimmten Kamm. Immer wieder habe ich weiße Menschen, die keine Locken hatten, erlebt, die dachten, Leute mit Locken müssten ihre Haare nicht kämmen, weil locken durcheinander gekraust sind. Hier offenbart sich wie an vielen Stellen, dass weiße Menschen über Dinge, die Schwarze betreffen, nicht richtig Bescheid wissen, obwohl es in Zeiten des Internets so einfach wäre, wenn es einen wirklich interessiert. Stattdessen nehmen sie einfach etwas an. Das ist häufig so beim Thema Rassismus. Es wird einfach gemacht. So bleibt Rassismus am Leben.

Mit den Kindern der ghanaischen Bekannten meines Vaters habe ich schon einmal meine Haare verglichen. Das war interessant, weil auch sie nicht so viele Vergleichsmöglichkeiten hatten. Es war interessant zu sehen, wie die Haarfarbe der anderen Kinder von meiner abwich, je nachdem welche Haarfarbe ihre Mutter hatte. Ich erinnere mich noch, wie ich einmal der Tochter von E. durch ihre langen gelockten Haare gehen durfte. Es war ein einmaliges Erlebnis auch für mich, weil ich solche Haare noch nie angefasst hatte. Wenn ein Schwarzer einer Schwarzen in die Haare fasst, ist das aber etwas anderes. Es ist so, wie wenn zwei Weiße sich gegenseitig in die Haare fassen. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass man Locken gerne einmal anfassen will, aber ich kann jedem weißen Menschen nur raten: Denken Sie noch nicht einmal daran! Und wenn doch, erinnern Sie sich an diese Zeilen und fragen Sie sich, warum sie das eigentlich wollen. Neugier ist keine Rechtfertigung dafür, eine körperliche Grenzüberschreitung zu begehen, die ihren Anlass nur darin hat, dass der andere eine andere Hautfarbe besitzt.